A B C É F H I J N P R V

J. M. W. Turner

Joseph Mallord William Turner (1775–1851) war ein englischer Maler der Romantik, der vor allem für seine Landschafts- und Seestücke bekannt ist. Er gilt als einer der bedeutendsten Aquarellisten und Ölmaler Großbritanniens. Seine Werke kennzeichnen eine Auflösung fester Formen zugunsten von Licht, Farbe und Atmosphäre und nehmen Entwicklungen des Impressionismus sowie der abstrakten Malerei vorweg.

Relevanz für die Gegenwart:

Turner gilt als zentrale Figur des Übergangs von der Romantik zur Moderne. Der seit 1984 jährlich vergebene Turner Prize, eine der wichtigsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst in Großbritannien, ist nach ihm benannt. Sein Porträt war von 2020 bis 2024 auf der britischen 20-Pfund-Note abgebildet. Mike Leighs Spielfilm Mr. Turner (2014) und zahlreiche internationale Retrospektiven, zuletzt etwa in der Tate Britain und im Pariser Musée Jacquemart-André, dokumentieren das anhaltende öffentliche und wissenschaftliche Interesse an seinem Werk.

Turner wurde am 23. April 1775 in der Maiden Lane in Covent Garden, London, geboren. Sein Vater war Perückenmacher und Barbier, seine Mutter litt zeitlebens an psychischen Erkrankungen und starb 1804 in einer Anstalt. Bereits mit 14 Jahren wurde Turner 1789 in die Royal Academy Schools aufgenommen, ein Jahr später stellte er erstmals ein Aquarell in der Royal Academy aus. 1799 wurde er zum Associate, 1802 zum Vollmitglied der Royal Academy gewählt. Von 1807 bis 1838 lehrte er dort als Professor für Perspektive. Turner unternahm zahlreiche Reisen durch Großbritannien, Frankreich, die Schweiz, Deutschland und Italien; besonders Venedig prägte sein Spätwerk. Er starb am 19. Dezember 1851 in Chelsea und wurde in der St Paul’s Cathedral beigesetzt.

Turners Frühwerk steht in der Tradition der topografischen Aquarellmalerei und orientiert sich an Vorbildern wie Claude Lorrain und den niederländischen Marinemalern des 17. Jahrhunderts. Ab den 1810er Jahren entwickelte er eine zunehmend freie Maltechnik, in der atmosphärische Erscheinungen – Nebel, Sturm, Sonnenlicht, Dampf – zum eigentlichen Bildgegenstand wurden. Charakteristisch sind eine reduzierte Konturierung, lasierende Farbschichten, ein heller Grundton und die Darstellung des Erhabenen im Sinne Edmund Burkes. In den Spätwerken lösen sich Schiffe, Architekturen und Figuren teilweise vollständig in Lichtwirbeln auf.

Zu Turners bekanntesten Arbeiten zählen The Shipwreck (1805), Snow Storm: Hannibal and his Army Crossing the Alps (1812), The Fighting Temeraire (1839), Slave Ship (Slavers Throwing overboard the Dead and Dying, 1840), Snow Storm – Steam-Boat off a Harbour’s Mouth (1842) und Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway (1844). Das unvollendete Norham Castle, Sunrise (um 1845) gilt als Beispiel seines fast abstrakten Spätstils. Eine Umfrage der BBC und der National Gallery wählte The Fighting Temeraire 2005 zum beliebtesten Gemälde Großbritanniens.

Turners Werk wurde bereits zu Lebzeiten kontrovers diskutiert. Der Kritiker John Ruskin verteidigte ihn in seinem fünfbändigen Werk Modern Painters (ab 1843) und prägte das spätere Turner-Bild maßgeblich. Während ihres Londoner Aufenthalts 1870/71 studierten Claude Monet und Camille Pissarro Turners Bilder; der Einfluss auf die Lichtmalerei des Impressionismus ist gut belegt. Turner hinterließ dem britischen Staat rund 300 Gemälde und über 30.000 Arbeiten auf Papier (Turner Bequest), die heute überwiegend in der Tate Britain, ergänzt durch die 1987 eröffnete Clore Gallery, aufbewahrt werden.