Frank Auerbach: Leben, Werk und Vermächtnis eines Meistermalers
Frank Auerbach (* 29. April 1931 in Berlin; † 11. November 2024 in London) zählt zu den bedeutendsten britischen Malern des 20. und 21. Jahrhunderts. Sein Werk ist geprägt durch eine unverwechselbare Maltechnik mit extrem dichten, pastosen Farbschichten und einer lebenslangen Beschäftigung mit einer begrenzten Gruppe von Modellen und Londoner Stadtansichten.
Gegenwärtige Relevanz
Auerbachs Werk steht für die Möglichkeit einer konsequent entwickelten persönlichen Bildsprache innerhalb der Tradition europäischer Malerei. In einer Zeit zunehmend mediengestützter Kunstproduktion repräsentiert sein Ansatz eine handwerklich radikale, auf direkte Beobachtung gegründete Praxis. Museen und Sammlungen weltweit – darunter Tate Britain, das Museum of Modern Art New York und die National Portrait Gallery – bewahren zentrale Werke seines Schaffens.
Biografischer Hintergrund
Auerbach wurde als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren. 1939, im Alter von acht Jahren, schickten ihn seine Eltern nach England, um ihn vor dem nationalsozialistischen Regime zu retten. Beide Eltern kamen im Holocaust um. Auerbach wuchs in einem Kinderlandheim in Kent auf und erwarb 1947 die britische Staatsbürgerschaft. Er studierte an der Borough Polytechnic in London unter David Bomberg, der seinen malerischen Ansatz entscheidend prägte, sowie an der Saint Martin’s School of Art und dem Royal College of Art. Seit den frühen 1950er-Jahren lebte und arbeitete er ausschließlich in einem Atelier in Camden, London.
Stil und Merkmale
Auerbachs Malerei ist durch extreme Materialität gekennzeichnet. Er trug Ölfarbe in vielen Schichten auf, wobei er täglich überarbeitete und oft wochenlang an einem einzigen Bild arbeitete. Ältere Farbschichten wurden häufig abgekratzt, bevor neue aufgetragen wurden, wodurch die Oberflächen reliefartigen Charakter erlangten. In späteren Schaffensphasen wurde sein Pinselduktus freier und farbiger, ohne die strukturelle Dichte aufzugeben. Thematisch konzentrierte er sich auf ein enges Repertoire: Porträts wiederkehrender Modelle – darunter E.O.W. (Estella Olive West) und Julia – sowie Ansichten des Baustellengeländes in der Euston-Umgebung und des Primrose Hill. Diese Beschränkung auf wenige Motive verfolgte er mit methodischer Konsequenz über Jahrzehnte.
Wichtige Stationen und Schlüsselwerke
Auerbachs erste Einzelausstellung fand 1956 in der Beaux Arts Gallery, London, statt. Die frühen Werke aus den 1950er- und 1960er-Jahren, darunter Porträts von E.O.W. und Landschaftsstudien rund um die Euston-Baustelle, etablierten seinen Ruf als Erneuerer der figurativen Malerei. 1986 vertrat er Großbritannien auf der Biennale di Venezia und gewann gemeinsam mit Sigmar Polke den Goldenen Löwen. Die Retrospektive in der Tate Gallery London (1978) sowie eine umfassende Werkschau im Kunstmuseum Bonn (2015) dokumentierten internationale Anerkennung. Bedeutende Einzelwerke sind Head of E.O.W. (1961), Mornington Crescent (1965) und The Sitting Room (1964).
Einfluss und Rezeption
Auerbach wird gemeinsam mit Lucian Freud, Leon Kossoff und Francis Bacon zur sogenannten School of London gezählt, einer Gruppe figurativer Maler, die dem Abstrakten Expressionismus und konzeptuellen Tendenzen eine subjektiv geprägte Gegenständlichkeit entgegensetzten. Kritiker wie Robert Hughes und William Feaver analysierten sein Werk ausführlich; Feaver verfasste 2009 die maßgebliche Monografie. Auerbachs Einfluss auf jüngere britische Maler ist dokumentiert, insbesondere im Bereich der gestischen figurativen Malerei.
